Waren Sie heute schon außenwendig?

Von Lars Erik Zeige | January 1, 2019

Die Präposition ūʒanawentīgūn ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich – in ihrer Bildungsweise, ihrem überaus großen Wortkörper und dem Fakt, dass sie im gesamten Referenzkorpus nur einmal belegt ist: im Trierer Capitulare (zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts, mittelfränkischer Sprachraum, Prosa und Recht).

That auo themo seluemo cide , that er thui sellan uuilit , uzzeneuuendiun theru grasceffi uuisit (TC)
‚Wenn [er] aber zu.der selben Zeit, zu.der er diese verkaufen will, außerhalb der Grafschaft ist‘

Als Präposition hat sie jedoch im selben Text ein adversatives Paarwort, das der Bildungsweise eine gewisse Systematik verleiht. Auch die Umgebungen sind sehr vergleichbar:

inde ce themo cide inneneuuendiun theru selueru grasceffi uuisit in theru sachun thie gesat sint (TC)
‚[Jeder, der …] und zu dieser Zeit innerhalb derselben Grafschaft sei, in der die Sachen sich befinden[, bemühe sich…]‘

Die komplexen Formen ūʒanawentīgūn und innenawentīgūn gehören zu den Wortfamilie ūʒ bzw. in, die reich an zusammengesetzten Formen sind (etwa ūʒarūnhalb oder ingagan). ūʒana und innana sind mit Lokalkasus und Adverbsuffixen gebildet, -wentī̌gūn wird als erstarrter Akkusativ Singular Femininum einer Ableitung auf -īg aus dem jan-Verb wenten aufgefasst. Die Lautgestalt der Belege ist mittelfränkisch.

Die Kasusrektion stellt sich nicht ohne Tücken dar. In der Nominalgruppe von uzzeneuuendiun theru grasceffi ist das i-Femininum grafscaf in Genitiv und Dativ Singular formgleich, beim Demonstrativum tritt der Dativ Singular Femininum auch für den Genitiv ein. Bei inneneuuendiun theru selueru grasceffi hingegen vereindeutigt selueru den Dativ Singular. Man sieht der Struktur so ihre Herkunft aus Lokaladverbial und Lokalkasus an. Hätte die Präposition überlebt, wäre sie wahrscheinlich zum Muster der sekundären Präpositionen übergetreten, mit einem morphologisch komplexen Wortkörper und Genitivrektion. Auch bei innerhalp war bis ins Mittelhochdeutsche der Dativ neben dem Genitiv möglich.

Mit Blick auf die Gegenwartssprache lassen sich neben nhd. auswendig, das nur noch im Sinn von ‚aus dem Gedächtnis beherrschen‘ gebräuchlich ist, noch vergleichbare Dialektwörter finden, die vor allem adverbial, selten auch prädikativ gebraucht werden. Folgenden Beleg haben wir bei MuttersprachlerInnen selbst erhoben und verifiziert:

rhfrk. Die hann es Haus innewensisch schunn nei gemach, awwer ausewensisch isses noch so schewwazisch wie vorher.
‚Sie haben das Haus innen schon renoviert, aber außen ist es noch so unansehnlich wie vorher.‘

Im Übrigen verweisen wir auf die reichhaltigen Belege in den Einträgen aus-wendig, -wenzig und in‐wend(s)ig, innen‐ des Pfälzischen Wörterbuchs.

Die beiden Hapaxlegomena des Referenzkorpus Altdeutsch zeigen, wie innerhalb zweier großer Wortfamilien mit verschiedenen Wortbildungsmitteln kreative Formen geschaffen werden, die dem Ausdrucksbedürfnis der entstehenden nicht-lateinischen Rechtsprache entsprechen wollen.

Belegstellen im Referenzkorpus

  • ūʒanawentīgūn
  • innenawentīgūn

Literatur

  • Splett, Jochen. 1993. Althochdeutsches Wörterbuch, Bd. 1,2 M-Z. Berlin: De Gruyter, S. 1047.
  • Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. v. Elmar Seebold. Berlin: De Gruyter, 23-1999, S. 76.
  • Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Hgg. v. Albert L. Lloyd, Otto Springer u. Rosemarie Lühr. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Bd. 5, 104.
  • Pfälzisches Wörterbuch. Begründet von Ernst Christmann. Fortgef. von Julius Krämer. Bearb. von Rudolf Post. Unter Mitarb. von Josef Schwing und Sigrid Bingenheimer. Stuttgart 1965–1998, Bd. 1, 488ff. und Bd. 3, 1308.
  • Trierer Capitulare im Handschriftenzensus